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Carl Thürling an seinen Onkel Ernst Schmiedicke, 22.4.1936

Lieber Onkel!
Ich habe Dein Testament durchgesehen. Es ist zunächst zu berücksichtigen, dass gemäss § 24 des Erbhofgesetzes der Erblasser die Erbfolge kraft Anerbenrechts durch Verfügung von Todes wegen weder ausschliessen noch beschränken kann. Er kann hiernach insbesondere nicht etwa die Bestimmungen des § 34 des Erbhofges. ausschalten , die dahin gehen, dass Nachlassverbindlichkeiten einschliesslich der auf dem Hof ruhenden Hypotheken, Grund- und Rentenschulden mit Ausnahme gewisser hier nicht interessierender Lasten aus dem ausser dem Hof vorhandenen Vermögen, also aus dem vorhandenen Barvermögen, zu befriedigen sind. Du kannst also nicht bestimmen, dass Ernst die auf dem Erbhof ruhenden 3000.—- RM Hypothek übernimmt. Er könnte vielmehr, wenn im Falle des Erbeintritts noch ausreichendes Barvermögen vorhanden ist, verlangen, dass dieses zur Rückzahlung der 3.000.— RM oder zur Sicherstellung dieser Rückzahlung verwendet wird. Es ist Dir dagegen unbenommen, durch Verfügung unter Lebenden Bestimmungen zu treffen, die es unmöglich machen, dass Ernst, der Dich, um viele Tausende durch Nichterfüllung des Pachtvertrages geschädigt hat, nun obendrein noch den vorhandenen Barnachlass in nicht unerheblicher Höhe für sich beansprucht. Ich möchte Dir deshalb empfehlen, auch aus Gründen, die ich weiter unten noch darlegen will, dass Du Dein Bargeld Trudchen, die dies durch ihre ja bisher für Dich und Tante und den Hof geleistete Arbeit auch wirklich verdient hat, mit der Auflage übergibst, dass Sie Dich und Tante lebenslänglich pflegt, Euch beiden aufwartet und Euch beiden ein standesgemässes Begräbnis ausrichten muss. Wenn Du wünschst, dass von diesem Gelde nach Euer beider Ableben gewisse Beträge ,sei es an Fritz, sei es an Karl, gezahlt werden sollen, so müsstest Du diese Bestimmung schon jetzt und auch zahlenmässig festlegen. Wenn Du diese Verpflichtung sichergestellt zu sehen wünschst, könntest Du Trudchen auch aufgeben, dass sie in Höhe der Fritz und Karl zugedachten Beträge ein Bankkonto anlegt, über das sie nur gemeinsam mit Fritz und Karl verfügungsberechtigt sein soll. Du bestimmst unter Nummer 1.) Deines Testaments weiter, dass die geschuldete Pachtsumme unter Umständen in gewisser Weise verwandt werden soll. Was Du  hier sagst, ist jedoch widerspruchsvoll. Es scheint so, als ob Du Ernst die Pachtschuld zu einem ,der Höhe nach aber nicht bestimmten Teil erlassen wolltest, wenn er durch schwere Krankheit oder sonstige Umstände behindert würde. Ich möchte Dir empfehlen, dass Du diese Pachtforderung, die zu Deinem freien Vermögen gehört, Deinen weiteren Kindern schon jetzt durch Abtretung zuwendest. Du kannst bei einer Abtretung, die vorteilhaft schriftlich erfolgt und von beiden Teilen unterzeichnet wird, auch die Bruchteile bestimmen, zu denen jeder, sei es Karl oder Fritz oder Trudchen oder auch Tante, diesen Anspruch erwerben soll.
Die Belastungen des Erbhofs, die Du zu Gunsten von Karl und von Fritz und Trudchen unter Nummer 2.),3.) und 4.) des Testaments vorsiehst, sind nur in den Grenzen des § 30 des Erbhofgesetzes zulässig. Es sind also nur Zuwendungen zulässig, die als Aussteuer oder Ausstattung in Betracht kämen. Bei Karl ist also die Zulässigkeit einer solchen Zuwendung äusserst fraglich, da er sich in bester finanzieller Position , wie Du selbst mir erzähltest, befindet. Für Fritz und Trudchen liegen diese Dinge hier günstiger. Für alle Beteiligte aber gilt, dass das Anerbengericht Dein Testament auf die Zulässigkeit dieser Bestimmung nicht prüft, da die Genehmigung von Testamenten nur für den Fall in Betracht kommt, dass abweichend von der Regel ein anderer als der zunächst Berufene als Anerbe eingesetzt wird. Du erhältst also keine Gewissheit darüber, dass die Deinen weiteren Kindern zugedachten Zuwendungen wirksam sind. Die Bestimmung, dass Karl die Schmalzkuten-Heide an der Hirschfelder Chaussee von etwa 14 Morgen erhalten soll, widerspricht an sich schon dem Verbot des § 24, die Erbfolge kraft Anerbenrechts durch Testament zu beschränken, da die Heide zum Erbhof gehört. Das Anerbengericht entscheidet nur späterhin Streitigkeiten, die sich aus solchen testamentarischen Bestimmungen ergeben könnten. Die Regel ist jedoch, dass für die Ausstattung eines Kindes mit Grundstücken ein wichtiger Grund nur ganz ausnahmsweise gegeben sei. Hier wäre es daher das Beste, wenn Du die Schmalzkuten-Heide an Karl durch notariellen Vertrag veräussertest und die Genehmigung des Anerbengerichts zu beschaffen versuchst. Für Fritz würde ich Dir empfehlen, schon jetzt zu bestimmen, dass er nicht die von Dir vorgesehenen l.000 RM, sondern einen bestimmten höheren Betrag ___.erhält. Für Trudchen habe ich Dir oben ja schon den Rat gegeben, ihr das vorhandene Barvermögen zu überlassen. Was Tante betrifft, so widerspricht die Bestimmung, dass sie noch 1.000.-RM aus der Wirtschaft neben dem Altenteil erhalten soll, dem § 31des Erbhofgesetzes. Ein Altenteil steht dem Ehegatten nur zu, wenn er zwar Miterbe oder pflicht-teilsberechtigt ist, aber auf alle ihm gegen den Nachlass zustehenden Ansprüche verzichtet. Es ist dies eine besonders unbillige Bestimmung des Gesetzes, da ja in der Regel die Frau ihre Lebensarbeit restlos in den Hof gesteckt hat. Du kannst dann aber das Altenteil, das Du Tante zugedacht hast, genauer bestimmen. Du sprichst nur davon, dass sie ein Taschengeld, 1/2 Liter Milch, 20 Eier , Arzt- und Apothekerkosten und Holz bekommt. Die Bestimmung müsste etwa dahin gehen, dass:
a.) freie wohnung, Licht und Heizung in den bisher benutzten 3 Stuben und Küche,
b.) Essen am Tisch des Anerben, so wie er es selbst geniesst, bei Krankheit der erforder­lichen, insbesondere vom Arzt vorgeschriebenen Krankenkost entsprechend,
c.) die Nutzung eines näher zu bestimmenden Teiles des Hofgartens,
d.) freie Pflege und ärztliche Versorgung bei Krankheit,
e.) ein monatliches Taschengeld von 30.— RM bar,
f.) ein Liter Milch täglich,
g.) 6o Eier monatlich,
h.) eine genau zu bestimmende Kubikmeterzahl klein behauenen Holzes
i) jährlich ein Kleid, Schuhe, Wäsche, Strümpfe die Du am besten mit Trudchens Beratung im einzelnen festlegst, Tante gewährt werden.
Ich empfehle Dir genaueste Bestimmung des Altenteils deshalb, weil Du ja weist. wie hartherzig und unzugänglich Ernst ist. Du wärest m. E. sogar in der Lage , an seiner Stelle einen anderen Deiner Söhne als Anerben zu bestimmmen, da sein Verhalten euch gegenüber ihn, wenn auch nicht auf Grund seiner bauerntechnischen Kenntnisse, so doch moralisch als ungeeignet erscheinen lässt. Ich komme nochmals auf die Verteilung des Barvermögens zurück. Du schreibst in dieser Beziehung: Ich setze ferner meine Tochter Gertrud zum Verteilen des noch meiner Frau nach meinem Tode verbleibenden Nachlasses ein, da dieselbe als Tochter 50 Jahre in der Wirtschaft beschäftigt ohne jeglichen Barlohn und in allen Teilen damit vertraut ist. Es scheint hiernach zunächst, als wenn da Tante bezüglich dieses Barnachlasses zur Vorerbin und Trudchen zur Nacherbin mit gewissen aber unbestimmten Auflagen einsetzen wolltest. Die von Dir gewählte Fassung würde jedenfalls erheblichste Schwierigkeiten in der Durchführung Deines Testaments mit sich bringen. Es kann nämlich der Erblasser die Bestimmung der Person , die eine Zuwendung erhalten soll, sowie die Bestimmung des Gegenstandes der Zuwendung nicht einem anderen überlassen, Es muss schon vom Erblasser selbst gesagt werden, wer etwas und was der Betreffende erhalten soll. Ich empfehle Dir daher nochmals, etwa folgendes Abkommen mit Trudchen zu treffen:
" Ich ,der Eigentümer Ernst Schmiedicke sen. Werneuchen, überlasse hiermit _____RM (in Worten:_ Reichsmark) meiner Tochter Gertrud Schmiedicke als Entgelt für die von ihr in bisher 50 Jahren für meine Frau und mich auf meinem in Werneuchen i.d. Mark, Altstadt, belegenen Hofe, geleistete Arbeit. Ich erkenne an, dass meine Tochter ihre gesamte Arbeitskraft restlos and vorbehaltlos und mit aufopfernder Liebe ihren Eltern gewidmet hat. Jch halte mich daher für verpflichtet, ihr ein angemessenes Entgelt in Form dieser Barzuwendung zukommen zu lassen. Meine Tochter Gertrud soll hiergegen aber verpflichtet sein: Meine Frau und mich bis zu unserem Tode wie sie es bisher in liebevollster Weise getan hat, zu pflegen und uns in unserer Krankheit und Gebrechlichkeit in jeder Beziehung zu unterstützen.Sie soll unser beider standesgemässes Begräbnis auf ihre Kosten ausrichten. Ich stelle es ihrem geschwisterlichen Ermessen anheim, ob und welche Beträge sie meinen Söhnen Fritz Schmiedicke und Karl Schmiedicke nach meinem Tode aus dem ihr überlassenen Betrage zukommen lassen will.
Ich erwarte von ihr auch, dass sie, falls mein Sohn Fritz Schmiedicke infolge etwaiger Verschlechterung seines Augenleidens besonderer Unterstützung and Pflege bedarf, diese ihm zuwendet. Ich ,die unterzeichnete Gertrud Schmiedicke, nehme die Zuwendung meines Vaters unter Uebernahme der mir zugedachten Verpflichtungen hiermit an. "
Ich hoffe, dass Dir und Tante unser Besuch nicht etwa irgendwie geschadet hat. Ich wünsche, dass mit dem Frühlingswetter nun auch Eurer Zustand sich wieder bessert. Ich bin überzeugt, dass Ihr und insbesondere Du lieber Onkel, noch manches Jahr erleben werdet. Du schreibst Dein Testament daher am besten noch um ,und zwar etwa ,wie folgt:
"Es ist mein freier ernster wohlüberlegter Wille, ein Testament zu errichten. Ich bestimme hiermit:

1.) Mein Sohn Ernst Schmiedicke ist Anerbe
 2.) Mein Sohn Karl Schmiedicke erhält als ältester die Schmalzkutenheide an der Hirschfelder Chaussee in Grösse von 3 Hektar 97 ar 5 qutrm. und ferner 3.000.— RM aus der Wirtschaft.
3.) Mein Sohn Fritz Schmiedicke erhält 1.500 RM.
4.) Meine Tochter Gertrud Schmiedicke erhält l.000 RM.

5.) Meine Frau Alwine Schmiedicke, geborene Thürling erhält folgenden Altenteil:

a.) freie Wohnung,Licht and Heizung in den bisher benutzten drei Stuben und Küche,
b.) Essen am Tisch des Anerben,so wie er es selbst geniesst, bei Krankheit der erforderlichen, insbesondere vom Arzt vorgessehenden Krankenkost entsprechend,
c.) die Nutzung des Hofgartens
d.) freie Pflege und ärztliche Versorgung bei Krankheit, freie Reinigung der Wäsche,
e.) ein monatliches Taschengeld von 30.— RM in bar,
f.) einen Liter Milch täglich,
 g.) 60 Eier monatlich,
h.) ______ Kubikmeter Holz,klein behauen, monatlich,
i.) jährlich _____Kleid ,_______ Paar Schuhe, Paar Strümpfe, folgende Wäschestücke:
...........................
Die im Vorstehenden unter Nummer 2.),3.) und 4.) genannten Barbeträge hat mein Sohn Ernst vom ersten auf mein Ableben folgenden Halbjahresraten mit 5% zu verzinsen und mit mit jährlich je 500 RM zum 1.Oktober eines jeden Jahres an seine Geschwister auszuzahlen. Alle meine früheren letztwilligen Verfügungen hebe ich auf.
Ich erwarte, dass mein Sohn Ernst die ihm zu Gunsten seiner Geschwister und seiner Mutter auferlegten Verpflichtungen restlos und in vollem Umfange erfüllt ,da ich ihn trotz seines mir und meiner Frau gegenüber gezeigten moralisch verwerflichen Verhaltens als Anerbe auf dem Hofe belasse, obwohl ich berechtigt wäre, an seiner Stelle einen anderen meiner Söhne testamentarisch als Anerben einzusetzen. Mein Sohn Ernst soll seinen Geschwistern Fritz Schmiedicke und Gertrud Schmiedicke für deren Lebenszeit die Entnahme des Wassers vom alten Hofbrunnen des Erbhofes für ihr benachbart daneben liegendes Anwesen gestatten und soll dieses Recht für sie als beschränkte persönliche Dienstbarkeit auf dem Erbhof grund-buchlich eintragen lassen." Ich mache Dich lieber Onkel aber nochmals darauf
aufmerksam, dass die Zuwendung der Schmalzkuten-Heide an Karl durch Testament voraussichtlich wirkungslos ist,da letztwillige Verfügungen, die das Anerbenrecht ausschalten oder beschränken, unwirksam sind. Es empfiehlt sich hier also,wie ich schon oben gesagt habe,dass ein besonderer Vertrag zwischen Dir und Karl aufgesetzt und die Genehmigung des Anerbengerichts zu diesem Vertrage beschafft wird. Die Wassergerechtigkeit für Trudchen und Fritz lässt lässt Du ,am besten nach abgesehen von der vorgesehenen testamentarischen Bestimmung selbst auf dem Erbhof ein-tragen, da eine solche Belastung ohne Genehmigung des Anerbengerichts zulässig ist.
Die Urkunde müsste etwa,wie folgt, aufgesetzt werden: « Ich, der Ackerbürger Ernst Schmiedicke sen.,
beantrage auf dem Blatte meines Erbhofes (genaue Grundbuchbezeichnung hier einsetzen) für den bezw . die jeweiligen Eigentümer des ( genaue grundbuchliche Bezeichnung des Nachbargrundstückes, von dem ich nicht weiss, ob es Trudchen oder Fritz oder beiden gehört, hier einfügen) das Recht einzutragen, aus dem Brunnen meines Grundstücks das für den Bedarf des vorbezeichneten anderen benachbarten Grundstücks nötige Wasser zu entnehmen.
Ich, der Eigentümer des berechtigten Grundstücks » beantrage diese Grunddienstbarkeit auch auf dem Grundbuchblatte des berechtigten Grundstücks zu vermerken. Die Kosten und Stempel der Urkunde und der Eintragung trage ich, der Ackerbürger Ernst Schmiedicke sen. Der Wert der Dienstbarkeit ist 1.000 RM. Der gleiche Betrag soll den Höchstbetrag darstellen, der für die Dienstbarkeit in dem Falle verlangt werden kann, dass sie bei der Zwangsversteigerung des belasteten Grundstücks durch den Zuschlag erlischt. Auch dieser Höchstbetrag soll eingetragen werden. "
Diese Urkunde muss von Dir und von dem Eigentümer oder den Eigentümern des berechtigten Grundstücks unterzeichnet werden. Die Unterschriften sind notariell zu beglaubigen Amtsgericht Alt Landsberg, eingereicht werden. Ich bitte Dich, lieber Onkel, dieses Schreiben ,abgesehen von Fritz und Trudchen und Tante, niemandem zu zeigen oder vorzulesen und niemandem sonst auch Mitteilung von seinem Inhalt zu geben sowie, es unter allen Umständen, nachdem Du von seinem Inhalt Kenntnis genommen und vielleicht auch Gebrauch gemacht hast, zu vernichten. Ich lege auf diese Vernichtung ganz besonderen Wert.

Mit herzlichsten Grüssen an Dich und Tante Dein Neffe
 

Download:

Festschrift zum 250. Geburtstages des Dichterpastors F.W.A. Schmidt


Werneuchen-Aus alter Zeit

ist ein Buch zur Geschichte der Stadt Werneuchen und

Eine Vorschau finden Sie hier: Werneuchen - Aus alter Zeit - Google Books-


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Martin Kuban, Werneuchen, Stand: 04. Dezember 2014