Startseite / Aufwärts / Neue Seiten / Impressum / Über uns / Danksagung


Startseite
Aufwärts

Die Geschichte von der Schweinehirtin

Die Kirchenbücher der evangelischen Kirche in Werneuchen enthalten einzigartige Aufzeichnungen über die Einwohner, unabhängig von Stand, Geschlecht und ihres Vermögens. Kirchenbücher wurden in Werneuchen etwa seit 1550 geführt, doch wurden diese im dreißigjährigen Krieg ein Raub der Flammen. Doch auch besondere Ereignisse wurden gelegentlich in die Kirchenbücher geschrieben. Pfarrer Samuel Fabricius, der von 1707 bis zu seinem Tode 1719 in unserer Stadt amtierte, hat im Anhang des Kirchenbuches eine besonders merkwürdige Geschichte, die sich zudem bereits etwa 60 Jahre vor seiner Amtszeit im Jahre 1653 zugetragen haben soll, niedergeschrieben. Im "Werneuchisches Kirchenbuch, darin aufgezeichnet die Nahmen der getauften, vertrauten, verstorbenen, de Anno 1700, uff, von Samuel Fabricius, (Seite 646) liest man unter anderen Eintragungen seiner Hand, die sich mit historischen Ereignissen aus der Geschichte des Ortes und des Landes befassen folgende Geschichte.

"Ao. 1653 ist allhier in Werneuchen eine Weibsperson gekommen, hat sich nennen lassen Anna Maria, ohngefähr 25 Jahre alt, hat bey sich gehabt eine Dienerin, selbe hat sich bey denen Herren Bürgermeisteren gemeldet und sehr gebethen, man möchte ihr doch ein Jahr lassen die Schweine hüten, und da selbe wol gekleidet und von schönen Ansehen, haben die Bürgermeister sie befragt, wer sie sey, woher sie komme und warum sie die Schweine zu hüten verlange, darauf sie aber keine genaue Antwort hat geben wollen, sondern bei ihrem petito geblieben, man möchte ihr concediren, ein Jahr um das damals gewöhnl. Lohn 30 Scheffel Roggen, die Schweine zu hüten, worin auch die Bürgermeister gewilliget. Sobald nun die Zeit Schweine auszujagen herankommen, hat selbe ein Pferd gekauft und einen Quersattel, ist des Morgens herumgeritten und hat gerufen: Jaget die Schweine ab, ihre Magd hat müssen helfen die Schweine austreiben, welche sie auch bis ins Feld zu Pferde begleitet, die Magd allein bey den Schweinen gelassen; sie aber war wieder nach ihrer Wohnung geritten, da sie des Tages die Zeit mit Knöppeln und Nähen, welches sie gar schön gekonnt, verpassiret. Bisweilen ist sie nachher Frankfurt, Beerwalde, Bernau und anderen Orten geritten, hat auch wol Manns Kleider angezogen, einen Federbusch auf dem Hut gehabt. Wenn sie aber hier gewesen, hat sie alle Morgen ihren Dienst zu Pferde verrichtet, bis ihr Jahr auß gewesen, da sie nicht eher wollen weggehen, bevor ihr der Abschied schriftlich ertheilet. Ohngefähr nach 1 Jahre ist selbe allhier gesuchet. Nach 5 Jahren ist sie wieder hier durch passiret und hat sich in sehr schönen kostbaren Kleidern sehen lassen, man hat zu der Zeit vermeinet, es sey diese Persohn eine vornehme Dame von Adel aus einem Kloster, welcher die Schweine zu hüten zur Poenitenz auferleget."

Die Geschichte muß nach 1658 aufgeschrieben worden sein, weil die "Weibsperson" bereits 1653 nach Werneuchen kam und "nach 5 Jahren wieder hier durch passiret" war. Im Jahr 1653 hatte der Prediger Joachim Clagemann gerade sein Amt als Pfarrer aufgenommen, welches er auch bis zu seinem Tode 1665 inne hatte. Nach ihm war Pfarrer Samuel Fabricius (der Vater) von 1666 bis 1706 im Amt. Doch im Jahre 1706 erblindete er und seitdem war sein gleichnamiger Sohn Samuel Fabricius (der Sohn) sein Gehilfe. Die Eintragung der Geschichte, und das beweist nun die Handschrift, ist von Samuel Fabricius (der Sohn), also frühestens erst ab etwa 1706 vorgenommen worden. Es liegen also etwa 50 Jahre zwischen der Geschichte und dem frühesten Zeitpunkt, als diese von Fabricius (der Sohn) niedergeschrieben worden konnte. Als Samuel Fabricius 1713 starb wurde sein Sohn Nachfolger. Er überlebte seinen Vater nur 6 Jahre und starb 1719. Ihm folgte bis 1723 Pfarrer Lange, dann bis 1732 Pfarrer Baumann und dann bis 1778 Pfarrer Friedrich Wilhelm Dittmar. Von Pfarrer Dittmar erhalten wir plötzliche Auskunft. Er vermerkt im Kirchenbuch, dort wo gelegentlich historische Nachrichten aufgeführt wurden, dass „die Nachricht von dem gedachten Vorfall in den Knopf des Thurms gelegt ist“. Pfarrer Dittmar schreibt: „Zur Zeit von Joachim Clagemann ist allhier ein merkwürdiger Casus vorgegangen, welchen man nachgehends vor das „Werneuchsche Wahrzeichen“ gehalten. Weil nun die ganze Relation weiter hin ins Kirchenbuch aufnotiret ist, so ist es nicht nöthig, selbige hierher zu setzen, zumal selbige verbotenus in denen Nachrichten gesetzet ist, die in dem Knopf beigelegt sind."

Das heißt, Dittmar nimmt an, dass die Nachricht ursprünglich und im Original unter Clagemann in den Knopf der Kirchturmspitze gelegt wurde, sich diese Nachricht noch dort befände und sie von Samuel Fabricius später eigentlich völlig überflüssig bzw. „verbotenus" noch in das Kirchenbuch geschrieben wurde, weil es unüblich ist, Nachrichten, welche im Turmknopf enthalten sind, noch einmal in das Kirchenbuch zu schreiben. Doch wie ist Samuel Fabricius an die Urkunde aus dem Turmknopf gekommen, um diese für das Kirchenbuch abzuschreiben. Gab es denn damals schon einen Turmknopf? Die Kirche war 1637 im dreißigjährigen Krieg abgebrannt und wurde seit 1647 vom Oberpfarrer aus Alt-Landsberg Samuel Laurentius mit betreut. Im Jahr 1650 wurde unter ihm die Kirche unter Einbeziehung des noch erhaltenen Altarraumes wieder aufgebaut. Der Glockenturm wurde aber, weil es an Geld fehlte, zunächst provisorisch errichtet. Im Jahr 1651 wurden zwei Glocken für diesen Turm aus Berlin geliefert. Erst zwei Jahre später 1653 kommt dann die "Schweinehirtin" nach Werneuchen und wird 5 Jahre später 1658 wieder gesehen. Diese Geschichte war also noch sicher nicht in einem Knopf eines provisorischen Turmes von 1651. Zu Ende des 17. Jahrhunderts reicht der Turm aber den Ansprüchen der sich vom 30-jährigen Krieg erholenden und wieder anwachsenden Gemeinde nicht mehr aus. Im Jahre 1712 wird deshalb der Glockenturm "von Grund auf mit Holz neu aufgebauet und oberwärts des Mauerwerks noch ein Stockwerk von Holz, darin drei schöne Glocken hängen, darauf gesetzet, worauf eine Spitze mit einer Durchsicht und Spindel bedecket gestanden".

Der neue Kirchturm hatte also erstmalig nach dem dreißigjährigen Krieg wieder eine Spitze mit Spindel. Hier konnte die Geschichte im Turmknopf untergebracht werden. Samuel Fabricius (der Vater) lebte noch zu diesem Zeitpunkt, war aber schon seit Jahren erblindet. Unter seinem Diktat oder aber nach einem verloren gegangenen Original von Pfarrer Clagemann schrieb Fabricius (der Sohn) die Geschichte in das Kirchenbuch. Pfarrer Dittmar nahm an das die Geschichte auch im Turmknopf untergebracht war. Pfarrer Dittmar stirbt 1778 und 8 Jahre später 1796 wird der Knopf geöffnet und es befand sich die Nachricht nicht darin. Wurde der Turmknopf davor schon zwischenzeitlich geöffnet? Wenn also Pfarrer Samuel, der selbst von einer früheren Zeit redet, schreibt, man habe zu jener Zeit vermeint, "es sei einer vornehmen adelichen Dame aus einem Kloster die Strafe, Schweine zu hüten, als Pönitenz auferlegt", so muss man bedenken, dass 1653 die Nonnenklöster in der Mark und der Umgegend längst aufgehoben waren. Vielleicht kam die Person aber aus ferneren Gegenden. Aber sie wurde nach fünf Jahren wieder in Werneuchen gesehen. Zuweilen soll sie nach "Bernau, Beerwalde und sogar Frankfurt geritten sein". Wie konnte Sie sich denn so weit und dann eben für längere Zeit von ihrer täglichen Arbeit entfernt haben. Man findet auch nicht, dass ihre Magd in Werneuchen an ihrer Stelle geblieben ist. Vielleicht gibt uns Pfarrer Fabricius selbst die Antwort darauf. Er betitelt die Dame achtlos als eine "Weibsperson, die sich hat nennen lassen Anna Maria" und weil "da selbe wol gekleidet und von schönen Ansehen" haben die Bürgermeister ihrer Bitte entsprochen“. War die „Weibsperson“ etwa nur eine verschmitzte Zigeunerin, die mit einer Gehilfin dieses einjährige Abenteuer unternommen hat. Dreißig Scheffel Roggen entsprechen mehr als 1.600 Liter Roggen. Dazu noch Unterkunft und vielleicht noch manche Gaben von den gutmütigen Einwohnern waren schon eine gute Lebensgrundlage. Vielleicht hat sich die Dame aber vor etwas verstecken müssen? Es heißt: "Ohngefähr nach 1 Jahre ist selbe allhier gesuchet". Vielleicht sollte sie gegen ihren Willen verheiratet werden? Steckt eine dramatische Liebesbeziehung hinter der Begebenheit? Geheimnisvolle Begebenheiten und besondere Persönlichkeiten haben die Gemüter der Menschen immer lange beschäftigt. Wer war die junge hübsche Frau, die selbstsicher vor die Bürgermeister trat, ihre Tätigkeit auf ihre eigene Art ausübte und sich nicht vom Reisen abhalten ließ. Deshalb hat man, wie Pfarrer Dittmar schreibt, diese merkwürdige Begebenheit in Werneuchen nachgehend als "Werneuchsche Wahrzeichen" gehalten.

Download:

Festschrift zum 250. Geburtstages des Dichterpastors F.W.A. Schmidt


Werneuchen-Aus alter Zeit

ist ein Buch zur Geschichte der Stadt Werneuchen und

Eine Vorschau finden Sie hier: Werneuchen - Aus alter Zeit - Google Books-


© www.heimatheft.de Senden Sie ihre E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an: M.Kuban@gmx.de 
Martin Kuban, Werneuchen, Stand: 04. Dezember 2014