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Die Kochmaschine, von Thea Jaeger (geb. Schulz)
Auf der Suche nach verloren gegangenen Wörtern fiel mir das Wort „Kochmaschine" ein. Als ich vor einiger Zeit im trauten Familienkreis folgende Geschichte erzählte, fanden meine Enkelsöhne das Wort „Kochmaschine" sehr amüsant. Diese Benennung aus den 20er Jahren ist tatsächlich verloren gegangen. Ihr folgten die Grude-, Gas-und die Elektroherde. Und jetzt gibt es Herde, die gut und richtig programmiert, wahre Wunder vollbringen können — oder auch nicht! Mein Erlebnis mit einer ganz besonderen Kochmaschine liegt weit
zurück. Es war die Zeit der großen Not und des Elends, das Frühjahr 1945. Am 16. April, meinem 18. Geburtstag, begann die letzte große Schlacht an der Oder. Für uns, hinter der Frontlinie, war der Krieg bereits zu Ende. In unserem Dorf, jenseits der Oder, gab es nur noch Frauen, Kinder und Greise. Im Juni 1945 wurde völlig unvermittelt angeordnet, daß wir in 20 Minuten das Dorf zu verlassen hatten. Jeder durfte nur 10 Kilogramm Gepäck mitnehmen. Das, was wir zusammenpackten, wurde immer wieder durchsucht, wobei unsere Habe jedes Mal weniger und weniger wurde. Die Lebensmittel durften wir behalten. Polnische Zivilisten, deren Herzen durch die schrecklichen Erlebnisse verhärtet waren, hatten die Aufsicht über uns. Sie ließen uns ziellos von Ort zu Ort ziehen. Die Nächte mußten wir zusammengekauert im Freien verbringen. Wer nicht mehr erwachte, bekam ein flaches Grab. Denn Geräte zum Schaufeln hatten wir nicht. So waren wir schon zwei Wochen unterwegs. Wir träumten von einem wärmenden Getränk oder einer stärkenden Suppe. Endlich erreichten wir das Oder-Gebiet. Auf einer provisorischen Brücke überquerten wir den Fluß bei Reitwein. Wie war die Gegend
doch verwüstet! Wir wateten durch tiefen, zähen Schlamm. Unsere Bewacher waren am anderen Ufer zurück geblieben. Nun waren wir frei, doch hatten wir auch niemanden, an den wir uns wenden konnten. In Reitwein konnten wir bei einem Schmied in seinem zerstörten Haus übernachten. Er bot uns auch eine Suppe an und sagte, daß wir bleiben könnten. Er schaute auf mich, dann auf seine Kinder. Seine Frau hatte er im Krieg verloren. Doch wir zogen weiter. Die Straßen waren voller Flüchtlinge. Jeder war auf sich gestellt, ausgehungerte, verzweifelte Menschen in einer erbarmungslosen Lage. So kamen wir nach Müncheberg zum Hungerturm. Dort stand geschrieben: „Wer seinen Kindern gibt das Brot und leidet selber Not, den schlage man mit dieser Keule tot!" Welch eine Zeit, in der Menschen so etwas denken können! Unterwegs sahen wir viele Feuerstellen. „Ach, wenn wir nur einen Topf hätten!" seufzte meine Mutti. Plötzlich, vor einem zerstörten Haus hielt sie inne und überlegte laut: „Hier ist noch der Schornstein erhalten. Da ist die Küchenbemalung zu sehen. Dann muß es am Schornstein auch eine Kochmaschine geben. Und weiter in ihren Betrachtungen: „Vielleicht steht
auf der Kochmaschine auch ein Topf?!" Die Überlegung war überzeugend. Eifrig trugen wir die Steine ab, zweifelnd entfernten wir den Schutt, und nach kräfteraubendem Bemühen kam ein Topf zum Vorschein — und dann noch ein zweiter. Sogar eine Schachtel Streichhölzer fanden wir noch und zwei henkellose Tassen. Aus Ziegelsteinen schichteten wir eine kleine Feuerstelle auf, und in dem verwilderten Garten, in dem auch eine Pumpe stand, fanden wir Pfefferminze. Wir erquickten uns an warmem Tee. Doch leider ging unser Brot zur Neige. Hungrig, aber wenigstens durchgewärmt, schliefen wir in dieser Ruine ein. Vor dem Einschlafen drückte ich meine Mutti und flüsterte ihr zu: „Not macht erfinderisch!" Denn schließlich hatten uns ein paar Ziegelsteine eine ganze Kochmaschine ersetzt.
Und die beiden henkellosen Tassen, die wir aus den Trümmern geborgen hatten, waren für uns so wertvoll, daß wir sie noch lange in Ehren hielten.
 
 

Download:

Festschrift zum 250. Geburtstages des Dichterpastors F.W.A. Schmidt


Werneuchen-Aus alter Zeit

ist ein Buch zur Geschichte der Stadt Werneuchen und

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Martin Kuban, Werneuchen, Stand: 04. Dezember 2014