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Es war im März 1945
In jener Nacht...
Eine Begebenheit möchte ich hier erzählen, die mich jedes Jahr im März neu bewegt. Fragen, niemand kann sie mir beantworten, doch ich habe daraus gelernt, den Weg zu gehen, den das Herz diktiert. Im Krieg geschehen so entsetzliche Dinge und es gibt immer wieder Menschen, die das Schrecken mildern. Es geschah in der Nacht vom 14. Zum 15. März 1945. Den Einmarsch der Roten Armee hatten wir mit allen Schrecknissen überlebt, wir waren ja die ersten Reichsdeutschen, die Grenzen ungefähr 30 km vom damaligen Polen. Die Jungen ab 14 Jahren und Männer bis 50, die der Volkssturm 10 Tage vorher noch zurückgelassen hatte, waren schon im Meseritzer Gefängnis. Der Krieg dauerte ja noch an und jemand verkündete, so wolle man Partisanenbildungen vermeiden. Jetzt kam die Reihe an uns Mädchen und Frauen. Erst seit Jahren weiß ich, dass uns dasselbe widerfuhr, was Jahre vorher russische und polnische Frauen und Mädchen erdulden mussten. Doch man glaubt, wenn einem das selber passiert, es kann nicht wahr sein. Hat man doch niemandem ein Leid zugefügt. Wir mussten uns in den ersten Februartagen auf dem Dorfplatz einfinden und so, wie wir standen, mussten wir uns formieren und abmarschieren. Meine Tante Gertrud Schulz, sie war schon 41 Jahre, lief uns hinterher. Die russischen Bewacher wiesen sie zurück, doch sie schrie: „Ich habe nur noch meine beiden Töchter - ich habe nichts mehr zu verlieren" und sie kam mit uns. Im 2 km entfernten Bauchwitz kamen noch andere Frauen aus den nächsten Dörfern dazu und so ging's bis zur Kreisstadt Meseritz, wo wir im Gefängnis landeten. 8 Mädchen in einer Ein-Mann-Zelle. In dem schon verrottetem Stroh wimmelte es von Ungeziefer aller Arten, das war ein entsetzlicher Schock. Tagsüber, vom Morgengrauen bis zum Dunkelwerden, mussten wir Panzergräben ausheben, Tote begraben und irgendwelche Aufräumungsarbeiten verrichten. Eine Frau, Gertrud Kruppa, war mit ihren beiden Töchtern Luzie und Trude dabei. Sie war die Einzige von uns, die die polnische Sprache beherrschte. Sie verfolgte alles mit wachsamen Ohren, um herauszufinden, was mit uns geschehen würde. Sie sorgte sich auch sehr um den bettlägerigen Schwiegervater, den sie allein zurücklassen musste. Wenn sie sich unbeobachtet fühlte, kniete sie hinter einem Gebüsch und betete inbrünstig ihren Rosenkranz. Das beobachtete ein ukrainischer Bewacher.
Irgendwie war er unscheinbar, mittelgroß, wache Augen, er trug einen ungepflegten Schnauzbart und er war einer, der sich nachts nie ein Mädchen aus der Zelle holte. Jetzt sprachen Frau Kruppa und er sehr oft miteinander. Sie war sehr schweigsam und auch sehr ängstlich und sie ließ uns nicht wissen, was die beiden besprachen. Ach, wieviel Gerüchte wurden verbreitet und die Angst nahm von uns Besitz. Täglich kamen neue Mädchen, die Männer waren fast alle schon woanders - wo? Die Stadt wurde von allen Seiten angezündet, den Widerschein erlebten wir in den Zellen. Wir hörten von Rivalitäten von Polen und Russen...
In der Nacht zum 15. März 1945 wurde die Zelle aufgeschlossen. In der Tür stand der Ukrainer und er befahl: „Rabota". Nur die beiden Zellen standen jetzt leer und wir Mädchen und Frauen passierten das Tor, jede bekam einen Spaten und es ging in eine uns sehr bekannte Richtung. Nämlich die zum Heimatdorf. Der Soldat befahl die Spaten abzulegen und teilte Brot aus. Er hatte mehrere Brote und Salz in seinem so genannten Rucksack. Es war so still, man erahnte nur den kommenden Tag. Wir gingen bei Schneidemühle, am Ende des Bauchwitzer Sees über die Brücke und dann rechts in den Wald. Da sprach der Ukrainer zu uns und Frau Kruppa übersetzte. Am 15. März sollten wir deportiert werden, die Registrierung würde in Schwiebus erfolgen und er erklärte noch, dass aus seiner Familie viele Angehörige aus politischen und noch mehr aus religiösen Gründen nach Sibirien verbannt wurden. Eindringlich sprach er: „Versteckt euch, seid vorsichtig in den nächsten Tagen." Und dann beschwörend: „Wer nach Sibirien kommt, kommt nie zurück." Er sah alle an, drehte sich um und ging. Als wir ihn nicht mehr wahrnehmen konnten, standen wir wie versteinert - was geschah hier? Frau Kruppa, die uns schon so oft half, ermahnte uns wieder: „ Seid vorsichtig, wir wissen nicht, ob wir noch jemanden antreffen."
Wir waren jetzt an unserem Hause, da hörten wir unseren Hund Schnucki bellen. Ich klopfte leise ans Fenster und rief fragend „Mutti". Vorsichtig wurde das Fenster geöffnet und meine Mutter sah uns bewegt an. Sie erklärte uns die Kommandantur sei in Bauchwitz und alle könnten versuchen heimzugehen.
Was geschah am 15. März 1945, dem 44. Geburtstage meiner lieben Mutter. Wir waren, für kurze Zeit, wieder daheim und immer wieder bewegte uns diese große menschliche Tat. Keiner hatte die Möglichkeit Danke zu sagen.
Einen Monat später, am 16. April 1945, begann die große, letzte, blutigste Schlacht aller Zeiten.
Wird dieser Soldat, der sein Leben für uns aufs Spiel setzte, den Krieg überlebt haben? Durch wie viele Höllen ist er gegangen? Was wurde aus Frau Kruppa? Nach der Flucht blieben sie und ihre Töchter unauffindbar.
Fragen über Fragen. In allen Zeiten gab es solche Menschen, die sich Ungerechtigkeiten nicht beugen wollten und entschlossen das taten, was das Gewissen befahl.
Jetzt, nach so vielen Jahrzehnten, wissend, was immer in Kriegen geschah, können wir nur hoffend vertrauen, dass es vernunftbegabten Politikern gelingt, den Frieden der Welt zu bewahren.
 

Die Flucht geht weiter: Im Juli 1945- über Prötzel, Beiersdorf, Schönfeld. Das Ende der Flucht in der Typhusbaracke Werneuchen.

Download:

Festschrift zum 250. Geburtstages des Dichterpastors F.W.A. Schmidt


Werneuchen-Aus alter Zeit

ist ein Buch zur Geschichte der Stadt Werneuchen und

Eine Vorschau finden Sie hier: Werneuchen - Aus alter Zeit - Google Books-


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Martin Kuban, Werneuchen, Stand: 04. Dezember 2014