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Die Mühlenstraße 3
Die Geschichte der Tissmer bzw. Tissmär oder auch Tißmer fängt in Werneuchen schon um 1730, also etwa 80 Jahre nach dem dreißigjährigen Krieg an. Aber erst im 19. Jahrhundert werden die Urkunden genauer.
Johan Ludwig Tissmär betreibt laut Kirchenbuch ein Fuhrgeschäft in Werneuchen. Er ist mit Caroline Wilhelmine Albertine Moritz verheiratet. Aus dieser Ehe gehen: Carl Friedrich Paul Tissmär (*9.5.1864) (Zeugen waren damals übrigens Güthling und Wegener), Bertha Auguste Minna Tissmär (*29.1.1866) und Martha Olga Alma Tissmär (*22.11.1868) hervor.
Wahrscheinlich aus der Linie Carl Friedrich Paul Tissmär gingen zwei Söhne hervor: Paul und Walter Tissmer. Paul Tissmer wird als erster Sohn am 12.4.1891 und Walter Tissmer als zweiter Sohn (*29.4.1898, †13.7.1972) geboren. Sie sollen noch eine Schwester gehabt haben, welche jung verstarb. Sie hieß möglicherweise Frieda. Ein Teil der Gebäude stammt aus früherer Zeit. Unter Paul Tißmer wurden zunächst einige alte Gebäude abgerissen und später mehrere neue Gebäude errichtet. Um 1900 ein Wohnhaus und 1920 eine Scheune nebst großem Pferdestall, der mit gusseisernen Säulen, herrlichen preussischen Kappendecken und modernen Pferdeboxen gestaltet war. Der Hof wurde jetzt erst durch Paul Tißmer vierseitig angelegt. Auf dem Hof wohnte noch eine Frieda Tissmer. Ob es sich hier um die Schwester handelt, welche früh verstorben sein sollte wissen wir noch nicht.
Paul Tissmer war Landwirt. Verheiratet war er seit 1921 mit Anna Thürling (*29.7.1891). Sie waren also in etwa gleichaltrig. Ihm gehörten 1958 mehr als 29 ha Landflächen und Grundstücke. Er war ein "reicher" und angesehener Landwirt in Werneuchen.
Da Paul im Jahre 1891 geboren wurde hatte er bestenfalls erst nach 1910 den Hof in der Mühlenstraße übernommen. Der Bau der großen Scheune soll 1920 vorgenommen und durch ihn in Auftrag gegeben worden sein.
Paul Tissmer hatte einen Bruder den Walter Tissmer (*29.4.1898, †13.7.1972). Walter Tissmer war mit Elli Tissmer, geb. Behrend (16.6.1902, † 11.7.1949) verheiratet und führte eine Wirtschaft im benachbarten Weesow in der Dorfstraße 2. Die Eltern von Elli (seiner Ehefrau) waren August Behrend (*31.8.1866, †30.11.1936) und Anna Behrend, geb. Pänicke (*23.1.1876, †9.6.1944).
Seine große Liebe waren die Pferde. Er hatte etwa 10 Stück und hat die schönsten Pferde in der Stadt gehabt. Durch sein Vater Carl Friedrich Paul Tissmär (*9.5.1864) der ja lt. Kirchenbuch Fuhrmann war, kannte er sich mit Pferden bestens aus. Sein Vater wurde im Kirchenbuch Werneuchens 1868 allerdings als Gärtner aufgeführt.
Ihnen wurde am 6.8.1926 eine einzige Tochter Magarete geboren, Überall in der Stadt, wurde aber sie nur Grete oder Gretchen genannt. Grete hatte eine unbeschwerte Kindheit. Sie hatte viele Freunde und Freundinnen und war sehr beliebt. U.a. die nach Werneuchen gezogenen Dehlitz in der Mühlenstraße 2 hatten eine Tochter die Christa. Christa Dehlitz, welche noch vielen Mitbürgern bekannt sein dürfte und die Lehrerstochter Siegrid Quart gehörten in früher Jugend zu ihren besten Freundinnen. Im Wohnhaus gab es noch die Fam. Holl, welche eine Wohnung gemietet hatte und hier wohnte. Mit den ein paar Jahre jüngeren beiden Töchtern der Fam. Holl war Grete ebenso befreundet. Ebenso Renate Groblehner. Später als schon junges Fräulein war Grete dann auch mit Inge Schirrmeister und Lissi Thürling befreundet. Kurzum sie hatte noch viele Freundinnen mehr und einen großen Hof mit vielen Tieren. Da gab es immer etwas zu entdecken.
Fam. Quart hat in der oberen Etage des Stadthauses gewohnt. Unten war damals die Polizeistation und Büros untergebracht. Herr Quart war Lehrer in der Steinschule und flüchtete zu Kriegsende. Seine Frau und Tochter zogen ihm später nach. Fam. Holl sind später zu Fam. Kahlene am Bahnhof umgezogen. Eine Tochter hat später einen Kahlene geheiratet.
Neben seinen Pferden hatte ihr Vater auf der weiträumigen Wirtschaft mit Gartenland auch Schweine, Milchkühe und diverses Federvieh, wie Enten, Gänse und Hühner. Gretchen war ein Einzelkind und bedeutete ihren Eltern alles. Aber verwöhnt waren Bauerntöchter nie. Auch nicht wenn sie Einzelkinder waren. Mußten sie doch schon mit Kindesbeinen an auf der Wirtschaft mithelfen und mitarbeiten. Hatten sie doch zu lernen, die auf einer Wirtschaft anfallenden Arbeiten zu erlernen.
In dieser Zeit führte bereits der Bruder ihres Vaters Walter die Wirtschaft in der Dorfstraße 2 in Weesow. Eigentlich ist uns überliefert, das die beiden Brüder ein sehr schlechtes Verhältnis gehabt haben sollen. Sie sollen jahrelang sich nicht besucht und auch nicht miteinander gesprochen haben. Trotzdem ist uns ein gemeinsames Foto erhalten geblieben, auf dem die beiden Brüder mit ihren Ehefrauen und Kindern zusammen zu sehen sind.
Mit dem zweiten Weltkrieg brach auch für die Tissmers eine schwere Zeit an. Zwar erlebte Werneuchen durch den Bau des Flugplatzes zunächst einen allgemeinen Aufschwung, aber für die Landwirte wirkte sich dies nur geringfügig aus. Tissmers waren wie fast alle Landwirte auch gegen die sich entwickelnden politischen Verhältnisse und den Krieg. Paul und Anna hatten aber keine Söhne, die man ihnen wegnehmen konnte und so ging der Krieg an ihnen zunächst fast spurlos vorüber.
In den 50-ziger Jahren ereilte die Tissmers in der Mühlenstraße 3 ein furchtbarer Schicksalschlag. Grete wurde im Stallgebäude tot aufgefunden. Der herbeigerufene Arzt stellte an der verstorbenen jungen Frau nach der Untersuchung Tod durch Herzversagen fest. Sie hatte etwa 1945 an einer Typhuserkrankung gelitten und wahrscheinlich dabei einen Herzschaden bekommen, welcher unendeckt geblieben war. 1946 verstarb Grete so plötzlich.
Ab den fünfziger Jahren hat Paul Tissmer etwas vom Hof und Land an die hiesige LPG "Ernst Thälmann" verpachtet. In dem Zeitraum der Verpachtung hat die LPG am Hof keine Instandsetzungs- und Erhaltungsmaßnahmen vorgenommen. Die Pachteinnahmen waren lächerlich. Reparaturen konnte Paul Tissmer damit nicht mehr vornehmen. Auch Wohnungen vom Wohnhaus wurden an Angestellte der LPG weitervermietet. Die Mieten waren vom Rat der Stadt Bernau festgelegt und deckten in keinster Weise die zum Erhalt des Wohnhauses notwendig gewesenen Ausgaben des Vermieters. So Schritt der verfall der ganzen Wirtschaft voran. Auch wurde Paul älter und konnte selber auch nicht mehr so wie er wollte.
Aus den 60-ziger Jahren ist uns ein weiteres Foto bekannt, auf dem beide Brüder zusammen zu sehen sind. Es ist zugleich das zeitlich gesehen letzte Foto der Tissmers.
Mit seiner Ehefrau Anna Tissmer (geb. Thürling) lebte Paul Tissmer bis zu seinem Tode 1973 auf diesem Hof.
Als auch seine Ehefrau Anna Tissmer 1975 starb, wurde die Wirtschaft von den Erben an den VEB Obstbau Werneuchen verkauft.
Grete, Paul und Anna ruhen heute in dieser Reihenfolge von links nach rechts auf dem "Neuen Friedhof" in Werneuchen. Die Grabsteine sind mittlerweile entfernt worden.
Am 23. November 1978 wird der Hof vom Brigadier Gerhard Thürling und Lissi Knopke (geb. Thürling und Schwester vom Gerhard) an den VEB Obstbau Werrneuchen verkauft und geht damit in das Eigentum des Volkes über. Die weitläufigen Land- und Ackerflächen wurden an die LPG "Ernst Thälmann" verpachtet.
Nach dem Verkauf der Wirtschaft im Jahre 1978 an den sozialistischen VEB Obstbau Werneuchen, folgten Jahre des Verfalls und des Abrisses. der schönen Stallungen und der großen Scheune. Übergegangen in sozialistische Eigentumsanarchie wurde verwüstet, geplündert und zerstört. Zeitzeugen: Nachbarn, ehemalige Angestellte und ehemalige Bekannte des Tissmers welche damals als Kinder auf dem Hof spielten schütteln heute verständnislos mit dem Kopf.
Erst wurde die Scheune abgerissen. Danach wurden die zweistöckigen Pferdeställe welche mit herrlichen gusseisernen Säulen und Gittern ausgestattet waren und der Nebengelasskomplex abgerissen. Von dem Vierseitenhof waren nun drei Seiten völlig abgerissen. Die preussischen Kappendecken aus Ziegeln, getragen von mächtigen Eisenträgern wurden in die ehemals großzügig angelegten Keller gestürtzt. Weiter wurde mit Müll und Schutt verfüllt. Ziegel, Schutt, Pferdewagen, Zaumzeug, gusseiserne Öfen, Deicheseln, Räder- Alles wurde in den Kellern versenkt. Wo noch preusische Kappendecken erhalten geblieben waren, wurden nachträglich von oben Löcher hineingeschlagen und Bauschutt von oben verfüllt. Der Brunnen wurde mit DDR- Ziegelbauschutt verfüllt. Die Hofläche wurde nicht mehr gereinigt und verschmutzte. Die Mieter in den Wohnhäusern nutzten private Beziehungen um sich Beton anliefern zu lassen und betonierten wahllos und unvorbereitet an verschiedenen Stellen.
Wo die Hofpflasterung aufgerissen wurde, wurde nicht wieder repariert. Von einem der schönsten und vornehmsten Höfe, eines der "reichsten Bauern" Werneuchens blieb bis 1990 nur noch ein verwüstetes und verbautes Ruinenfeld übrig. Danach wurde das Gelände von der Treuhand übernommen.
 

Download:

Festschrift zum 250. Geburtstages des Dichterpastors F.W.A. Schmidt


Werneuchen-Aus alter Zeit

ist ein Buch zur Geschichte der Stadt Werneuchen und

Eine Vorschau finden Sie hier: Werneuchen - Aus alter Zeit - Google Books-


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Martin Kuban, Werneuchen, Stand: 04. Dezember 2014