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1945, Auf dem Treck, ein abgesetzter Bürgermeister und ein Bauer muss nach Sachsenhausen

Am 19.4.1945 verließen drei Trecks in kurzen zeitlichen Abständen mit fast allen Einwohner Beiersdorf, um auf den "Treck zu gehen". Rundgespräche hatte es im Dorf schon im Vorfeld gegeben und mehrere Bauern hatten auch schon Tage zuvor Wagen mit dem Notwendigsten und Wichtigsten beladen und abfahrbereit in ihren Scheunen abgestellt. Alle wehrfähigen Männer jedoch wurden zum "Volkssturm" mobilisiert. Am 19.4. kam "SS" in das Dorf und hießen die Einwohner an, die jetzt nur noch aus Frauen, Kindern und "nicht wehrfähigen" Männern bestand an, das Dorf mit "Pferd und Wagen" zu verlassen. Abends um 20.00 Uhr verließ der letzte Treck das Dorf in Richtung Schönfeld. Doch bereits eine Stunde vorher um 19.00 Uhr war Schönfeld und Tempelfelde von russischen Doppeldeckern bombardiert und offenbar schwer getroffen worden. Die Treck`s mussten nun fast 2 Stunden warten und konnte dann doch Schönfeld passieren. Auf dem weiteren Weg nach Tempelfelde kamen den Flüchtlingen ein Trupp Soldaten entgegen und schickten den Treck an, wieder umzudrehen: "Tempelfelde sei nicht mehr passierbar und dort ständen brennende Panzer auf der Straße". Zu dieser Zeit stieß Kalle Fiedler, aus Beiersdorf, der Tage zuvor zum Volkssturm mobilisiert wurde, zum Treck. Er hatte unter Lebensgefahr als Desateur erschossen zu werden, seine Flinte in ein Schützenloch gestellt und war dem Treck, auf dem sich auch seine Familie befand hinterher marschiert. Der Treck befand sich nun auf der Straße von Schönfeld nach Willmersdorf. Dort brach von einem Wagen die Deichsel und wurde am Straßenrand zurückgelassen. Weiter ging es die ganze Nacht bis der Treck am Morgen dem 20.4.1945 gegen 7.00 Uhr in Bernau eintraf. Dann ging es über Wandlitz und Liebenwalde nach Kriebitz. Auf ihrem Weg nach Norden sind sich die zwei Trecks einmal fast begegnet. Obwohl sie sich in zwei verschiedenen Dörfern befanden konnte man Kontakt aufnehmen und das aus Polen stammende Mädchen aus der Wirtschaft der Gauerts wechselte sogar den Treck, weil sich dort ihr Freund befand. In Kriebitz wurde der Track von Soldaten der sowjetischen Armee "eingeholt" und angewiesen wieder zurück zu fahren. Insgesamt 3 Wochen dauerte die Fahrt bis zwei von den insgesamt drei Trecks im Abstand von einigen Tagen wieder in Beiersdorf wohlbehalten eintrafen. Nur die Oma Thürling war Mitte Mai 1945 auf dem Treck gestorben und die Angehörigen hatten die Leiche über Tage hinweg wieder mit nach Beiersdorf gebracht und dort auf dem Friedhof beerdigt. Der zweite Treck hatte Glück im Unglück. Auf dem Weg wurde der Treck von sowjetischen Flugzeugen angegriffen und bombardiert, aber lediglich die Gespannpferde von Bauer Albert Christian und Kalle Winkelmann wurden getötet. Es gab keine Personenschäden.
Beiersdorf war mittlerweile von sowjetischen Soldaten besetzt, die in einigen Gebäuden Quartier genommen hatten. Das Verhältnis war zwiespältig. Auf der einen Seite waren die sowjetischen Soldaten sehr freundlich zu den Kindern, doch die Frauen, deren Männer fast ausnahmslos im Krieg gefallen oder sich in Kriegsgefangenschaft befanden mussten unsagbares Leid über sich ergehen lassen. Unter dem Druck der täglichen Vergewaltigungen durch russische Soldaten, nahm sich so die Frau vom Schlosser Gustav Bork, der sich zu diesem Zeitpunkt in Kriegsgefangenschaft befand das Leben. Ausgerechnet Gustav Bork kam als einer der ersten freigelassenen Kriegsgefangenen früh wieder nach Beiersdorf zurück.
Der dritte Treck war klein und bestand lediglich aus 4 Wagen. Der Bauer Willi Huwe war mit seinen drei Wagen und einem Wagen mit den Nachbarn aufgebrochen. Dieser Treck kam dann auch schließlich bis nach Schwerin. Doch der Sohn von Willi Huwe, der Joachim war schwer an Diphtherie erkrankt und kam zur Genesung in das Krankenhaus Schwerin. So kam dieser Treck erst im Juni 1945 wieder nach Beiersdorf zurück. Für Willi Huwe wurde das sehr bitter, denn die sowjetischen Kommandanten beschlagnahmten seine Felder, so dass er sie nicht mehr abernten durfte.
November 1945, Wie Beiersdorf wieder zu Brot kam
Seit April 1945 gab es in Beiersdorf keinen Strom mehr. Die Elektrizität kam vorher aus Eberswalde über eine Hochspannungsleitung, die bis nach Straußberg führte. Doch recht bald schon begannen die "Sowjets" mit dem Abbau und der Demontage der Leitungseinrichtungen und transportierten das Material in die Sowjetunion.
Nun war in Beiersdorf bereits in den 20-ziger Jahren Elektrizität vorhanden gewesen. Viele der landwirtschaftlichen Maschinen auf den Bauernhöfen waren entsprechend angeschafft worden. Für die windabhängige Bockwindmühle kam damals das "Aus". In den Jahren wurden die Flügel schlecht und zwei der vier Flügel mussten sogar abgenommen werden.
In Beiersdorf konnte nun kein Mehl mehr gemahlen werden, doch zwei namenlose Flüchtlinge wurden nun zu Helden. Als gelernte Zimmerleute machten sie sich an die Reparatur der beiden Flügel und sonstigen reparaturbedürftigen Teile und schon im November/Oktober 1945 drehten sich wieder die Flügel der alten Bockwindmühle. Hier konnte nun wieder geschrotet und gemahlen werden. Allerdings hatten die meisten Bauern bereits ab den 20-ziger Jahren selber Schrotmühlen, so daß in der Bockwindmühle überwiegend Mehl gemahlen wurde. Das Mehl wurde (wie kann es anders sein) zum Backen gebraucht. Zu dieser Zeit hatten alle Bauern noch eigene Öfen auf dem Hof. Nicht etwa im Haus, wie wir heute vermuten würden. Alle 2 Wochen wurde jetzt Brot gebacken. Befeuert wurden die Öfen mit Sträuchern und etwas Holz und es brauchte ein paar Stunden, bis der Ofen heiß genug war, um Brot zu backen. Anschließend wurde das Brot im Keller der Bauernhäuser gelagert, wo es sich lange halten konnte.

Download:

Festschrift zum 250. Geburtstages des Dichterpastors F.W.A. Schmidt


Werneuchen-Aus alter Zeit

ist ein Buch zur Geschichte der Stadt Werneuchen und

Eine Vorschau finden Sie hier: Werneuchen - Aus alter Zeit - Google Books-


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Martin Kuban, Werneuchen, Stand: 04. Dezember 2014