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Das Speziallager Nr. 7

Der Lehrer Georg Peske von der Steinschule in Werneuchen sollte am Dienstag vor dem 17.6.1945 verhaftet werden, weil man (?) im Büro von Turconi (Wegendorfer Straße) einen Fragebogen als Blockleiter mit Fotografie gefunden hatte. Jedoch wurde er zunächst nur in der im Stadtwappen (heute ein italienisches Restaurant) eingerichteten Stadtkommandantur vernommen. Am Mittwoch musste er jedoch wieder zum politischen Kommissar, gegenüber des Stadtwappens kommen. Hier musste er ein Protokoll in russischer Sprache unterschreiben, dessen Inhalt er nicht kannte. Daraufhin wurde er im Keller des Stadtwappens trotz seines Einspruchs festgesetzt und übernachtete hier. Seine Tochter brachte ihm am Abend einen Mantel, der ihm des weiteren noch gute Dienste leisten würde. Im Stadtwappen sieht er auch seinen Freund Kurt Roloff aus Amselhain. Am Donnerstag wurde Lehrer Peske dann mit einem Auto zum Fliegerhorst Werneuchen gebracht. Dieses Lager auf dem Feldflughafen Werneuchen (damals gab es keine betonierten Pisten), wurde erstmals am 10. Mai 1945 in einer Ausführungsbestimmung zu einem vom NKWD im April 1945 verfügten Internierungsbefehl erstmals erwähnt. Es gehört damit - neben den Speziallagern Nr. 5 (Ketschendorf) und Nr. 9 (Fünfeichen) - zu den ersten Speziallagern, die im Befehlsbereich der 1. Belorussischen Heeresfront der Roten Armee auf dem Territorium der späteren sowjetischen Besatzungszone (SBZ) entstanden.
Hier wurden jetzt u. a. kriegsgefangene Wehrmachtangehörige, deutsche Zivilisten, aber angeblich auch Angehörige der Wlassow-Armee vom NKWD festgehalten. Die Bewachung oblag der neu gegründeten Speziallagerverwaltung Nr. 7. Der Lehrer Georg Peske war einer der Letzten die noch in das Lager kamen. Schon vier Tage später am Montag nach dem 17.6.1945 wurde das Lager aufgelöst und die Gefangenen wurden in Kolonnen zu Fuß nach Weesow getrieben. Ihr Weg führte sie dabei über die Mühlenstraße. Am Tor der Mühlenstraße 2 in Werneuchen stand die junge Christa Dehlitz (†2005). Die Gefangenen marschierten dicht an ihr vorbei und sie erkannte einige der Werneuchener, Freunde und Bekannte. "Sie marschierten so dicht an mir vorüber, dass ich den Willi, den Hermann, Georg.. am Arm hereinziehen wollte- in das Tor. Ich wollte sagen Hermann komm schnell, komm rein, aber das ging nicht, denn die Kolonne wurde von bewaffneten Posten begleitet."
Weesow war vor Einrücken der roten Arme von den Einwohnern verlassen worden. Nur etwa 3-5 Familien waren in Weesow zurückgeblieben und hatten sich in einem betonierten "Privatbunker" der Familie Gossow zurückgezogen. Meist kinderreiche Familien, die über keine Pferde und sonstige Transportmittel verfügt hatten um sich abzusetzen. In Weesow wurden von russischen Soldaten nun sechs, von ihren Bewohnern verlassene Bauernhöfe notdürftig als Lager hergerichtet. Die Höfe wurden mit einem Drahtzaun umgeben und das Areal an den Eckpunkten mit hölzernen Wachtürmen gesichert. Als Unterkünfte dienten Scheunen, Schuppen und Ställe, in denen sich die Häftlinge aus Strohresten notdürftig eine Schlafstelle herrichteten.
Lehrer Georg Peske liegt nun mit 90 Mann auf dem Kornboden von Otto Liesegang, Hof 4, Haus 4, Stube 10. Mit ihm sein Freund Kurt Rohloff aus Amselhain.
Er erfährt von seinen Mitgefangenen, daß ein großer Teil bereits seit dem 8. Mai hier in Weesow festgesetzt sei. Insgesamt schätzt Lehrer Peske jetzt die Anzahl der Gefangenen auf ca. 5000 Mann.
Doch Weesow ist auch für viele ein Durchgangslager. In der viermonatigen Existenz (vom 8. Mai bis Mitte August 1945) werden zwischen 10.000 und 15.000 Internierte das Lager durchlaufen. Wenn man davon ausgeht, daß sich im Lager durchschnittlich 5.000 Personen befanden, so bedeutet das angesichts der lediglich viermonatigen Existenz des Lagers einen raschen Wechsel der Häftlingsbelegung.
Genau deshalb gab es laut NKWD-Vorschrift täglich je einen Morgen- und einen Abendappell. Aus den unterschiedlichsten Gründen (Verzählen, Schikane, Strafmaßnahme) konnten sich diese Appelle jedoch über Stunden hinziehen, und die Häftlinge standen je nach Wetter in der prallen Sonne oder im strömenden Regen.
Georg Peske hält dieses lange Stehen früh und abends nur sehr schwer aus. Lehrer Peske quälte sich zudem dabei lange mit dem üblichen Durchfall, hat schwache geschwollene Beine.
Er liegt mit seinen Kameraden auf Stroh. Seine Kameraden sind u.a. ein Senatspräsident vom Kammergericht Berlin, 64 Jahr, ein Reichsbahninspektor 67 Jahr u. der Sohn von "Stenz" vom Bahnhof Werneuchen. Das Durchschnittsalter beträgt über 50 Jahre.
Die Fenster und Türen der Gebäude sind zumeist verschlossen um die Fluchtgefahr zu vermindern. Die Enge in den überfüllten Gebäuden wird für die Eingeschlossen zur Qual. Die hygienischen Bedingungen sind äußerst kritisch. Die schlechte Ernährung führte jetzt zum körperlichen
Verfall der Häftlinge. Lehrer Georg Peske bekommt wie viele andere Gefangene Auswirkungen von Stoffwechselstörungen zu spüren. Er bekommt dicke Füße. Bei vielen anderen Gefangenen zieht sich das "Wasser" höher und höher, bis zum Herzen und führt zum Tod. Zugleich bricht wechselseitig bedingt durch die Mangelernährung und die schlechten hygienischen Verhältnisse im Lager, eine Ruhr-Epidemie aus, die jetzt hunderte von Toten fordert. Mit Leiterwagen werden täglich die Toten zur benachbarten Kiesgrube gebracht und hineingeworfen. Die Leiterwagen werden von Gefangenen geschoben und gezogen. Posten überwachen die Transporte.
Am 4.8.1945 beschreibt Lehrer Peske die furchtbaren Zustände. Die ständige Ungewißheit, ob man überleben wird, die schlechte einseitige Ernährung mit Suppen und trocken Brot. Sie schlafen mittlerweile in der kalten Scheune auf Brettern. Nur sein Mantel, den seine Tochter Anneliese ihm nach seiner Verhaftung in das Stadtwappen gebracht hatte, schützt ihn und tut nun gute Dienste. Er wird verhört. Offenbar gab es Ermittlungen in seinem Fall. Er wird aufgrund bei Köbler in Werneuchen gefundener Papiere vom NKDW "nur" als Blockleiter eingestuft. Nicht als Zellenleiter, welche von Kreisleitern eingesetzt wurden. Offenbar hat er aber einmal kurzfristig eine "Vertretung" für den Zellenleiter Dürre aus Werneuchen übernommen. Die Gefangenen haben kein Papier. Sie reinigen sich nach der Notdurft mit Stroh. Möglicherweise aufgrund seiner Bildung ( Lehrer) und seiner Ortskenntnis, wird Lehrer Peske zu Schreibarbeit eingeteilt. Zuvor wurde er von einem "Arzt" aufgrund seines Gesundheitszustandes "zu leichter Arbeit" eingeteilt.
Ein ehemaliger Häftling erinnert sich an den Vorgang der Entlausung bei der Aufnahme in das Lager: „Gleich nach dem Betreten des ersten Hofes fand ein mehr als fragwürdiger Entlausungsvorgang statt. In mehreren großen Kochkesseln wurden unserer Sachen simpel gebrüht. Die Kessel standen in der freien Hofmitte auf offenen Holzfeuern. Total entblößt auf dem Erdboden hockend, warteten wir auf die Aushändigung unserer Sachen. Geschrumpft, versengt, verdorben, vielfach für weiteren Gebrauch untauglich, bekamen wir dann die Reste unserer Kleidung an den Kopf geworfen. Der Verlust der Kleidung aber war kaum wieder gut zu machen, denn die Internierten besaßen nur das, was sie bei ihrer Verhaftung zufällig am Leibe trugen.
Ein ehemaliger Häftling erinnerte sich: Die Lebensmittelversorgung im Lager war ebenfalls improvisiert. Es gab in Weesow keine Küche oder Bäckerei. Brot wurde in einem für die Menge der Häftlinge viel zu leistungsschwachen Feldofen gebacken. Essgeräte mussten sich die Häftlinge selbst herstellen. Auch darüber gibt es Berichte ehemaliger Häftlinge: „Später kamen die Essenträger und brachten uns einen Kübel voll Sago (reine Stärke ohne jeglichen Nährwert). Jeder von den Gefangenen hatte sich bereits eine leere Konservendose organisiert, die nun als Kochgeschirr diente. Eine Scherbe hatte ich mir besorgt, und ein Stück Holz war auch schnell gefunden. Daraus schabte ich mir ein löffelartiges Gebilde. So aßen wir die 850 Gramm Sago in uns hinein - auch wenn es nicht schmeckte - damit wir wenigstens das Gefühl hatten, der Bauch sei voll. Dieses Gefühl hielt bloß nicht lange an. Deshalb setzte ein Boom auf alles ein, was Grün war. Ob Miere, Gras oder Löwenzahn, man aß alles. Das Speziallager Weesow diente als Sammelstelle für alle Personen, die vom NKWD in und um Berlin verhaftet worden waren. Neben den direkten Einweisungen über die operativen Gruppen des NKWD, die für die Verhaftungen verantwortlich waren, waren es vermutlich vor allem Transporte aus dem Speziallager Nr. 3 (Berlin-Hohenschönhausen), die über Weesow und Frankfurt/Oder in das Hinterland der 1. Belorussischen Heeresfront weitergeleitet wurden. Dort diente das Speziallager in Landsberg an der Warthe als Auffanglager. In Landsberg sollen im Laufe des Juli 1945 mit zwei Transporten ca. 3.000 Internierte aus Weesow angekommen sein. Weitere Häftlinge trafen aus Berlin (1.600), im August aus Frankfurt/Oder (2.000) und im November aus Posen (2.000) ein. Vom Lager Landsberg ging gegen Ende des Jahres 1945 ein Transport nach Breslau, kehrte aber nach zwei Wochen wieder an seinen Ausgangspunkt zurück. Ganz offensichtlich war sich das NKWD nicht schlüssig, wohin die Speziallagerhäftlinge verlegt werden sollten. Zumindest gelangten 5.671 deutsche Zivilinternierte aus dem Anfang Januar 1946 aufgelösten Lager Landsberg nach Buchenwald in das Speziallager Nr. 2.125 Aufgrund dieser bruchstückhaften Angaben läßt sich die Vermutung aufstellen, dass eine größerer Teil der in Weesow internierten Deutschen erst nach Landsberg und später nach Buchenwald abtransportiert wurde. Deutsche Kriegsgefangene aber wurden, genauso wie die russischen Wlassow- Soldaten, von den Speziallagerhäftlingen getrennt und in die Sowjetunion deportiert.
Weesow war Durchlaufstation. Mitte August, nachdem die Speziallagerverwaltung Nr. 7 in Sachsenhausen einen geeigneteren Lagerstandort gefunden hatte, wurde das Speziallager in Weesow aufgelöst. Die bei der Auflösung des Lagers noch in Weesow befindlichen Häftlinge- ca. 2000 - mussten in einem 40 Kilometer langen Fußmarsch nach Oranienburg laufen: „Bei diesem Trott gab es eine unvorhergesehene Abwechslung. Ein des Weges ziehender deutscher Soldat in zerschlissener Uniform war am Straßenrand stehen geblieben, um die Elendskolonne passieren zu lassen. Sein Unglück war, dass er einen Wehrmachtsbrotbeutel mit einer Feldflasche daran auf dem Rücken trug. (...) Er wurde aufgefordert, die Feldflasche auszuhändigen, und war sich der Tragweite seiner Ablehnung nicht bewusst. Dem einsetzenden Wortwechsel konnte ich entnehmen, dass er einen gültigen Entlassungsschein besaß und auf dem Heimweg war. Ohne viel Federlesens bekam er eine Tritt in den Hintern und war die Flasche los. Er wurde das neueste Mitglied in unserem Lumpenhaufen. Alles Protestieren half nichts, die Maschinenpistole erstickte jeden Widerspruch.“
Von den Häftlingsmärschen im Zusammenhang mit den Verlegungen bzw. der Auflösung des Lagers Weesow gibt es eine Reihe ähnlicher Schilderungen. Manche vermuten, dass durch diese willkürlichen Verhaftungen die Anzahl der verlegten Häftlinge konstant gehalten werden sollte, denn auf dem Marsch konnten einige fliehen, andere starben aus Erschöpfung. Die Aussagen zu den Toten, die die Märsche forderten, sind ganz unterschiedlich: Manche sagen, die Erschöpften seien von den sowjetischen Bewachungsmannschaften erschossen worden; andere berichten von einem Lastwagen, der am Ende der Marschkolonne alle Fußkranken eingesammelt habe. Die wahllosen Verhaftungen während der Märsche, von denen wiederholt berichtet wird, können aber auch darin ihre Begründung haben, dass die Internierungen des NKWD noch im Fluss waren, und daher jeder scheinbar Verdächtige – wie eben ein Wehrmachtsoldat – umstandslos verhaftet wurde. Im Lager Weesow starben schätzungsweise 1.000-1.500 Menschen. Die Toten wurden am Ortsrand in einer stillgelegten Kiesgrube in Massengräbern beerdigt. An dieser Stelle befindet sich heute ein Gedenkstein.
Die in den NKDW- Lagern umgekommenden Werneuchner:
Max Thürling †1945, Albert Ney † 20/9 45 Sachsenhausen, E. Stahmann † 22/9 45 Sachsenhausen, Kurt Rohloff † 9/11 45 Sachsenhausen, Lehrer Georg Matthes † 24/11 45 Sachsenhausen, Lehrer Georg Peske †24.12.1946 Sachsenhausen, Werner Neuling †18/11 45 Sachsenhausen, Stenz †1945 vermutl. Weesow, Dampfmüller Lehmann-Schmidke †1946 Buchenwald, Franz Herzberg kommt aus Gefangenschaft zurück und stirbt an den Folgen †1945(?), Julius Weber *30.3.1899† 26.6.1945

Download:

Festschrift zum 250. Geburtstages des Dichterpastors F.W.A. Schmidt


Werneuchen-Aus alter Zeit

ist ein Buch zur Geschichte der Stadt Werneuchen und

Eine Vorschau finden Sie hier: Werneuchen - Aus alter Zeit - Google Books-


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Martin Kuban, Werneuchen, Stand: 04. Dezember 2014