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KZ Weesow
Ende Mai 1945
Anfang Juni wurde von den Russen unter anderen provisorischen KZ auch das provisorische KZ Weesow bei Werneuchen eingerichtet. Dazu wurden östlich der Straße Werneuchen—Bernau, nördlich der z. Teil bebauten Dorfaue die Bauernwirtschaften der Bauern Alfred Liesegang, Franz Wittstock, Liesbeth Liesegang, Arnold Nebel, Otto Liesegang und Walter Tißmer genommen, die Bewohner mußten die Häuser und Viehställe räumen, die Wirtschaften mit Stacheldraht eingezäunt, im Norden anschließend an die Wirtschaften ein Appellplatz eingerichtet mit 2 Wachttürmen versehen, die mit Scheinwerfer und Maschinengewehren bespickt waren und ständig Tag und Nacht bewacht wurden. Circa 6000 Menschen, Männer und auch Frauen waren auf diesem Gelände in drangvoll fürchterlicher Enge zusammengepfercht. Untergebracht sind die Männer in den Scheunen, Schweine- und Kuhställen. Die Frauen kamen in eines der steinernen Bauernhäuser. Zuerst bei der Ankunft wurden die Häftlinge, die aus allen Teilen der näheren und weiteren Umgebung und vor allem auch aus Berlin kamen, flüchtig ärztlich untersucht, der Zweck derselben war aber in erster Linie die Prüfung auf Arbeitsfähigkeit. Die Frauen lagen auf Hof 3, die zuerst gekommenen im Wohnhause, die später gekommenen in Scheunen und Ställen des Hofes (Hof Liesbeth Liesegang). Umgeben war das Lager mit elektrisch geladenem Stacheldraht, bewacht durch 2 Wachttürme im Norden des Lagers, wo sich der Appellplatz befand. Die Türme waren ständig mit russischen Wachtposten besetzt, abends wurde das Lager ringsum angestrahlt.
Der Tagesablauf sah ungefähr so aus: Morgens um 6 Uhr Wecken, mit dem Waschen fing der Ärger an, da nur einige wenige Wasserhähne zur Verfügung standen, später wurde auch das wegen der inzwischen ausgebrochenen Ruhr verboten. Gegen 8 Uhr wurde eine Suppe undefinierbarer Art verteilt. Dazu hatten die Frauen Konservendosen als Eßgerät erhalten, die Männer mussten sich selbst etwas geeignetes organisieren. Im Laufe des Tages wurde Brot verteilt, etwa 400—450 g täglich. Nach der Verteilung des Essens wurde auf den jeweiligen Höfen angetreten zum Zählappell. Während des Appells mussten die Häftlinge oft stundenlang in glühender Hitze stehen, manchmal war der
Appell auch kürzer. Viele sind bei dieser körperlichen Strapaze ohnmächtig geworden. Nach dem Appell wurden die wenigen Arbeitseinsätze eingeteilt.
Abends war wieder stundenlang „Appell“, und wenn nichts Besonderes vorlag, war der Tagesablauf um 9 Uhr abends beendet, und man konnte sich hinlegen. Oft war es aber so, daß die Frauen geweckt wurden, kaum daß sie eine Stunde gelegen hatten, und es hieß „Kartoffelschälen“. Dann saßen die Frauen nachts in einer Scheune bei mangelhafter Beleuchtung oder auf dem Hof nur bei Mondschein und schälten bis 6 Uhr morgens Kartoffeln. Einen organisierten Arbeitsdienst gab es nicht, immer nur Arbeitseinsatz von Fall zu Fall. Während die Männer niemals zum Baden kamen, wurden die Frauen alle 10 Tage zum „Baden" geführt in einen großen Raum auf einem der Höfe. Unter Aufsicht
von Russen und Polen mußten sie sich ausziehen, die Kleider wurden zur Desinfektion gegeben. Handtücher gab es nicht, nur eine Schüssel mit Wasser und ein Stück Tonseife. Die Polen und Russen blieben dabei und rissen ihre Witze.
Dann wurde man von dem heißen Raum in einen kleinen kalten Raum geführt, wo sie naß, wie sie waren,1 warten mußten," bis die Kleider wieder aus der Desinfektion kamen. Einmal warteten sie vergebens, ungefähr 80 Frauen standen da, konnten ihre Kleider' nicht erhalten, da diese in der Desinfektion verbrannt waren. Sie mußten ohne Bekleidung über sämtliche Höfe an den Männern vorbei laufen und erhielten erst nach drei Tagen durch russische Frauen, die ebenfalls mit ihnen inhaftiert waren und die auf die umliegenden Dörfer fuhren und Kleidung erbaten, neue Kleidung.
Mitte Juli brach unter den Häftlingen in Weesow eine Ruhrepedemie aus. Es wurde Brot für die Kranken geröstet, Medikamente zur Behandlung gab es nicht.
Eine Baracke wurde als Revier primitiv für die ruhrkranken Männer eingerichtet. Diese waren schon zu Skeletten abgemagert, viele oder besser gesagt die meisten hatten ja vor Weesow bereits längere Zeit in den NKWD-Kellern verbracht.
Dazu kam noch gerade zu dieser Zeit ein Fluchtversuch einiger junger Leute, sie wurden dabei von den Turmposten ertappt. Der eine wurde erschossen, der andere durch einen Schuß in der Hüfte schwer verletzt. Ihm wurde bei voller Besinnung das Bein amputiert, einige Tage darauf ist er tot. Dieser Fluchtversuch hatte zur Folge, daß während der Nachtstunden nicht mehr die hinter den Scheunen liegenden Latrinen aufgesucht werden dürfen. Die Höfe werden während der Nachtzeit abgeschlossen, auf den Höfen selbst Holzkübel aufgestellt. Der Betrieb während der Nacht war bei der sich immer mehr ausbreitenden Ruhr geradezu unvorstellbar. In der Lazarettbaracke lagen unterdes die ruhrkranken Männer, weniger die Frauen, die darunter weniger litten. Die Körper waren wund und aufgelegen, sie lagen auf Stroh auf dem Fußboden und auf Pritschen, und die vielen Fliegen, die sich auf die wunden Körperstellen der Kranken setzten, der Schmutz, die mangelnde Hygiene, die Gleichgültigkeit der Kranken, das Sterben dort — es gab täglich Tote — war ein entsetzliches Bild des Elends. In dem Keller eines der Bauernhäuser wurden die Leichen übereinander geschichtet, dann mußten ihnen noch gesunde Internierte die Kleider ausziehen. Wenn sie sich weigerten, schlugen die russischen Posten solange auf sie ein, bis sie sich an die Arbeit machen. Die Todesfälle häufen sich mit der Zunahme der Ruhr, in den Scheunen und Ställen liegen an jedem Morgen Tote herum, Mund und Augen voller Fliegen, so starben die Leute in Massen. Selbst bei den täglichen Zählappellen fallen sie plötzlich um, werden beiseite geschafft und sterben still hinter irgendeiner Mauer. Völlig nackend werden sie auf einen Erntewagen geladen und zu einer nur wenige hundert Meter vom Lager entfernten Kiesgrube geschafft, wo am Nordrande derselben die Toten in einem Massengrab eingebuddelt wurden. Im Durchschnitt täglich 80 etwa 800 im ganzen. Inzwischen wird das Wetter täglich schlechter, es regnet alle Tage ununterbrochen, und keine Mäntel sind vorhanden. Dazu sollen noch weitere Unterkünfte gebaut werden; dazu wird aus der Dorfkirche in Weesow alles Holz entfernt. Bei dieser Gelegenheit werden die Bibeln und Gesangbücher mitgenommen und als Klopapier von den Russen ausgegeben. Immer neue Transporte kommen, andere gehen wieder, so daß die Zahl von gut 6000 Personen immer bleibt. Eines schönen Tages wird ein prominenter Internierter eingeliefert, Gustaf Gründgens, aber zum Glück gab er nur eine kurze Gastrolle.
An einem der folgenden Tage, es war am 16. 9. 1945, wurden alle eine Stunde früher geweckt. Es erhielt ein jeder ein halbes Brot ausgehändigt und als Frühstück eine süße Mehlsuppe. Nach dem Appell wurden alle Häftlinge in den einzelnen Höfen gesammelt, zu fünft in Marschkolonne zusammengestellt, alles muß sich unterhaken, und der Zug der 6000 setzt sich in Marsch zum Lagertor hinaus und schleppt sich auf der Landstraße in Richtung Bernau dahin, ein kilometerlanger Zug des Elends. Alle Stunde wird Halt gemacht. Der Zug wird begleitet von berittenen Soldaten, außerdem umkreisen Motorradfahrer den Zug und treiben die an, die nicht mehr weiter zu kommen scheinen. Auf einigen Lastwagen werden alte und gebrechliche, nicht mehr marschfähige Männer und Frauen transportiert. Als der Schwerkriegsbeschädigte Lehrer Vetter aus Sommerfelde, dessen Beine bereits von Wasser stark angeschwollen waren, den Posten bittet, ebenfalls auf dem Lastwagen mitgenommen zu werden, wird ihm das verweigert. Der Russe schlägt mit einer Baumwurzel auf Vetter ein, derselbe stürzt, im Fallen erhält er noch einen Hieb hinter das Ohr, er bricht zusammen — und ist tot! Einige Kameraden schleppen ihn beiseite in den Chausseegraben, befestigen einen Zettel mit Namen an seiner Jacke. Einem weiblichen Häftling, der nicht mehr weiter konnte, wurde die Pistole vom russischen Posten an die Schläfe gesetzt, jedoch nicht abgedrückt. Wer liegen blieb, blieb liegen, dafür wurde als Ersatz kurz entschlossen irgendeiner vom Felde oder der Straße weg mitgenommen. Die Männer müssen noch zusätzlich das Gepäck der Russen tragen, auch die beiden fetten Dackelhunde des Kommandanten müssen noch von den Männern mitgeschleppt werden! Durch Bernau geht es hindurch, der Verkehr ruht dort völlig, still und ausgestorben liegen die Straßen, kein Mensch ist zu sehen. Nur hinter den Fenstern stehen weinende Frauen, .ein junges Mädchen versucht, uns Wasser zu bringen, wurde aber von dem Posten brutal zurückgestoßen. Längere Marschpausen gab es nicht, ebenso wenig Verpflegung. Es war ein furchtbarer Marsch von über 45 km Länge bis Oranienburg und in das KZ Sachsenhausen, dem Ziel unseres Marsches. Wir kamen als erste an aus unserem bisherigen KZ-Lager Weesow, das nunmehr einging.  
 
 

Download:

Festschrift zum 250. Geburtstages des Dichterpastors F.W.A. Schmidt


Werneuchen-Aus alter Zeit

ist ein Buch zur Geschichte der Stadt Werneuchen und

Eine Vorschau finden Sie hier: Werneuchen - Aus alter Zeit - Google Books-


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Martin Kuban, Werneuchen, Stand: 04. Dezember 2014